Das Gipfelbuch

Instrument der alpinen Präsenzdokumentation

 

Seit dem Beginn des Alpinismus – dieser soll hier an der Erstbesteigung des Mont Blanc (4.810m, Mont Blanc/Frankreich/Italien) im August 1786 festgemacht werden - halten die Menschen ihre Anwesenheit auf den Gipfeln fest indem sie Spuren von sich hinterlassen.[1] Das geschah etwa in Form des Errichtens von Steinhäufungen,[2] heute bezeichnet als Steinmänner bzw. Steinmanndln, auch wurden Fahnen auf den Gipfeln aufgepflanzt, mit Ölfarbe auf die Gipfelfelsen geschrieben oder Visitenkarten in die mitgebrachten Trinkflaschen gegeben und am Gipfel verstaut. Vor allem den Erstbesteigern ging es darum, ihre Erfolge gegenüber nachkommenden Bergsteigern dokumentiert zu haben.

Das massenhafte Besteigen von Bergen brachte folglich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Gipfelbuch auf die höchsten Punkte und ermöglichte ebenso massenhafte Eintragungen. Heute lässt sich beispielsweise auf der Breiten Krone (3.079m, Silvretta/Schweiz) ein solches in seiner Kassette in einem ca. 1 Meter hohen Steinmann eingebaut finden und auf der Mittleren Jägerkarspitze (2.608m, Karwendel) lag es bis vor kurzem überhaupt nur in einen Felsspalt hineingeklemmt im Gipfelbereich. Das Gipfelbuch auf der Watzespitze (3.533m, Ötztaler Alpen), hier wurde das Kreuz erst 2003 gesetzt, befand sich bis dorthin in einem Nylonsack gegen Feuchtigkeit geschützt unter einer Steinplatte am Gipfel deponiert.

Die Existenz eines Gipfelkreuzes ermöglicht schließlich die Montage einer Kassette, in welche das Buch deponiert wird. So wurde auf dem Gipfel der Serles (2.718m, Stubaier Alpen) im Jahr 2008 ein neues Gipfelkreuz gesetzt und gleichzeitig ein Buch in einer eigens dafür konstruierten und am Kreuz befestigten Kassette deponiert. Dieses »Gipfelbuch« bestand aus 200 unbeschriebenen Blättern und kann von den Alpinisten seither zum Verfassen von Eintragungen verwendet werden.

Diese verwenden sie, um darin lediglich ihre Namen festzuhalten, oder auch ihre Herkunftsorte und die geplanten Abstiegswege. Neben der persönlichen körperlichen Verfassung ist das Schreiben eines mehr oder weniger umfangreichen Gipfelbuchspruches auch von den äußeren Umständen abhängig. Sturm, Regen oder Schneefall verhindern zumeist eine ausführliche Eintragung, wenn nicht sogar überhaupt die kürzest mögliche Eintragung mit Datum, Namen und Wohnort. Zu den »Namenseintragungen« lassen sich zusätzlich unterschiedliche Sprucheintragungen feststellen. Diese umfassen Themen der »Naturbewunderung«, der »Unterhaltung« und der »Religion«. Alle haben sie gemeinsam, dass es sich mit den Einträgen um »alpine Präsenzdokumentationen« handelt; also das Festhalten der eigenen Anwesenheit an einem besonderen Ort, oftmals verbunden mit dem Ausdruck emotionaler Grundhaltungen.

Die Namenseintragungen stellen die zahlenreichste Kategorie dar und erlauben Überlegungen zu deren sozio-kulturellen Bedeutung. Diese artikulierten alpinen Präsenzdokumentationen stehen in einer direkten Nachfolge zu denen der Bergpioniere und finden Entsprechungen in den Präsenzdokumentationspraktiken von Reisenden.[3] In den Sprucheintragungen hingegen werden persönliche Gedanken, Gefühle und Einstellungen präzise formuliert und kehren somit Inneres nach außen. Sie erzählen von Situationen und Umständen, welche die Menschen bewegen und sich in Form von Sprüchen und Gebeten objektivieren. Durch solche Eintragungen wird das Denken der Verfasser sichtbar, nicht selten werden deren verfasste Sprüche von Nachfolgenden kommentiert.

Gipfelbücher werden sowohl von Privatpersonen als auch von Vereinen auf die Gipfel gebracht, ihre Verwendung beobachtet und wieder zurück ins Tal gebracht sobald diese vollgeschrieben wurden. So hinterlegte beispielsweise am Sattelberg eine Privatperson ein Gipfelbuch, weil deren Familie als Betreiber einer Alm zu diesem Berg eine besondere Beziehung hat. Dazu wurde ein aufwändig gestaltetes Buchexemplar, mit aufgeprägten Goldlettern zum Namen und zur Höhe des Berges hergestellt und persönlich am Gipfel deponiert. In einem anderen Fall ist es auch wieder eine Privatperson, welche auf den Gipfeln der Kalkkögel – eine Gebirgsgruppe innerhalb der Stubaier Alpen und in der Nähe von Innsbruck – vollgeschriebene Gipfelbücher sammelt; also die alten, vollgeschriebenen Bücher zu Hause verwahrt und durch neue Bücher ersetzt. Vermerke in den Büchern ermöglichen es anderen Bergsteigern, diese dem Protagonisten selbst abzugeben. Andere Protagonisten dieser alpinistischen Infrastruktur sind die einzelnen Mitglieder von Vereinen, welche sich die Betreuung von Gipfelbüchern vorgenommen haben. Das sind beispielsweise Sektionen des Österreichischen Alpenvereins, Ortstellen der Bergrettung oder Ortsgruppen der Jungbauern/Landjugend. Sie alle sorgen mit ihren Handlungen für das Versorgen der Gipfel mit beschreibbaren Büchern und für deren nachgelagertes Sammeln in den dafür vorgesehenen Lagerstellen.

Diese strukturelle Beschreibung und Sichtweise auf das Gipfelbuch muss durch eine zweite ergänzt werden: Durch die Verwendung durch die Alpinisten. Sie wissen in der Regel nicht darüber Bescheid, durch wen diese Bücher auf die Gipfel gelangen und wieder ausgetauscht werden, sondern sie nutzen es als Medium der Präsenzdokumentation. Das „ICH war hier“ steht dabei im Mittelpunkt ihrer Interessen. Sie verwenden das Buch für ihre Eintragungen, klappen es zu und deponieren es wieder in der Kassette. Damit ist die Verwendung für die Anwender abgeschlossen.

Das Gipfelbuch als Medium der alpinen Präsenzdokumentation ist durch einen gehobenen Stellenwert während seiner Verwendung am Gipfel gekennzeichnet.[4] Sowohl Alpinisten als auch solche Personen, die alpinsportliche Tätigkeiten ablehnen kennen Gipfelbücher und wissen um deren Verwendung - zumindest grob – Bescheid. In der popularen Vorstellung dienen Gipfelbücher der Bergrettung als Auskunftsquelle über den Verbleib einer vermissten Person, oder sie werden zum Verfassen netter Gedichte oder »blöder« Sprüche und Kritzeleien verwendet.

Ihrer Verwendung am Gipfel folgt die Verwendung im Tal in ihrer Lagerstelle, zumeist als Archiv bezeichnet. Nachdem die Bücher an ihren exponierten Orten regelmäßig den Extremen der Witterung (Kälte und Feuchtigkeit) ausgesetzt waren, fällt den Sammlern mit der Aufgabe der Sicherung des Materials eine wichtige Aufgabe zu.[5] Diese Maßnahmen stellen eine Voraussetzung für allfällige nachfolgende Präsentationsmaßnahmen dar. Wenn der Volkskundler Gottfried Korff in der Museologie vom Deponieren und Exponieren spricht, dann ist damit eine zentrale Funktion von sammelnden Institutionen angesprochen. Für Gipfelbücher kann diesbezüglich festgehalten werden, dass sie keineswegs so oft von Alpinisten in den Lagestellen zur Einsichtnahme nachgefragt (oder vielleicht sogar von den Lagerstellenverantwortlichen zur Präsentation aufbereitet), wie auf den Gipfeln zum Verfassen einer Eintragung verwendet werden.[6] Wenn dann doch solche Präsentationen erfolgen, dann können sie aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der grundsätzliche Verwendungsgrund des Gipfelbuches die Verwendung am Gipfel ist und weniger diejenige im Tal. In diesem Zusammenhang kann somit von einem Bedeutungsgefälle gesprochen werden.

Diese gehobene Bedeutung am Gipfel - in ihrem direkten Vergleich mit dem Abfall zur Verwendung im Tal – lenkt das Interesse spezifisch auf den eigentlichen Akt der alpinen Präsenzdokumentation. Dieser Begriff und das zahlreiche Verfassen von Namenseintragungen lässt das Selbst – das ICH – vermehrt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Bekannt – und das wurde hier bereits erwähnt – ist dieses Festhalten des eigenen Namens an einem besonderen Ort seit vielen Jahrhunderten von den Reisenden. Somit muss das Phänomen der alpinen Präsenzdokumentation zuerst einmal als eine Praxis der allgemeinen Präsenzdokumentation gedeutet werden. Erst auf den zweiten Blick gehört es zu den alpinistischen Phänomenen; nicht zuletzt auch aufgrund seiner im Vergleich zum Reisen jungen Kulturgeschichte.

 


[1] Im Reisebericht von Adolf Traugott von Gersdorff (1744-1807) ist dieses Ereignis festgehalten.

[2] Auch heute noch werden Steinmanndln gebaut, sowohl als Weg- als auch als Gipfelmarkierungen. Dass der Bau von Steinmanndln zurzeit gerade eine Konjunktur erfährt, zeigen die vielen neu entstandenen »Steinmannkolonien« im alpinen Bereich beispielsweise an Übergängen und Gipfeln aber durchaus auch abseits davon, wie etwa an der Isar im Karwendel.

[3]Reisende halten ebenfalls gerne ihre Anwesenheit an bedeutenden Orten fest. Das trifft beispielsweise auf die mittelalterlichen Pilger zu, die ihre Namen oder Initialen in das Gemäuer ihrer ersehnten Stätte eingravieren, genauso hinterließen Handwerker, Soldaten oder die jungen Adeligen auf ihrer Grand Tour an besonderen Stätten ihrer Reisen ihre Namen oder Wappen.

[4]Ein „ethnologisches Experiment“ am Gipfel des Zuckerhütls (3.507m, Stubaier Alpen) zeigte das. Mein Austauschen des alten Buches durch ein neues wurde von einem Alpinisten missverstanden und provozierte eine harsche, unzweideutige Frage, „was ich denn mit dem Buch in meinem Rucksack nun vor hätte“ kommentiert.

[5]Nicht selten leiden die Papierseiten unter Schimmelbefall und müssen entsprechend behandelt werden.

[6]Die Gemeinde Weer stellt dabei eine Ausnahme dar. Hier ist es der Ortschronist, welcher die Gipfelbücher des Gilfert (2.505m, Tuxer Alpen) sammelt und diese auch bereits in einem Schaukasten der Allgemeinheit zugänglich machte.