Gipfelkreuz Zugspitze, 2.962 m

Die Jahrzehnte zwischen dem ausgehenden 18. und dem mittleren 19. Jahrhundert waren die Jahre der alpinen Erstbesteigungen und des Entdeckens. Es war ein Ausgreifen der Menschen in eine Natur, deren angsteinflößende Phänomene bis kurz zuvor noch auf göttliches oder geisterhaftes Wirken zurückgeführt wurden. Mit der naturwissenschaftlichen Erforschung der alpinen Höhen schufen sich die Menschen neuen Raum und begannen, sich die Phänomene der Natur auf einer erfahr- und erforschbaren Art und Weise zu erklären. Trotzdem sind die Gipfelkreuzsetzungen dieser Zeit ohne die Mitwirkung oder Initiative von Theologen nicht vorstellbar. Sie waren keinesfalls ein Massenphänomen, sondern vielmehr Aufmerksamkeit erregende Einzelereignisse.

31 Jahre nach ihrer Erstbesteigung und 51 Jahre nach der bedeutenden Gipfelkreuzsetzung (1799 / 1800) am Großglockner erhielt auch die Zugspitze ein Gipfelkreuz. In seiner Machart und Gestaltung übertraf es die meisten bis dahin gesetzten und oft schlicht gehaltenen Gipfelkreuze. Es wurde aus Eisen gefertigt und vollständig vergoldet. Seine Errichtung auf dem ausgesetzten, schmalen Gipfel war eine herausfordernde Arbeit, Initiator Pfarrer Christoph Ott beschreibt sie so:

„Man zog es mit Seilen in die Höhe, während rückwärts die Last mit der vom Kreuzcentrum auslaufenden Stützstange nachgeschoben wurde und der Schlosser den Kreuzstangenfuß in das Loch dirigierte. Schauerlich war es anzusehen, wie drei Männer, auf der äußersten, kaum zwei Fuß breiten Zinne des schmalen Gipfels, der im Ganzen kaum von der Länge und Breite eines mäßigen Tisches und von drei Seiten von den tiefsten Abgründen umgeben ist, an dem Seile mit der größten Todesverachtung arbeiteten. Das Ausreißen des Seiles, ein einziger falscher Tritt oder die geringste Anwandlung von Schwindel hätte Alle unrettbar in die fürchterliche Tiefe gestürzt. Doch munter und unbesorgt verrichteten die rüstigen Bursche [sic!] ihre schwere Arbeit; nach kurzer Mühe war das Schwierigste überwunden, das Kreuz kam zum Stehen und erhielt die verlangte Richtung.“

 

 Abbildung 14 Aufstellung GK Zugspitze                 GK Zugspitzehoch

 Quelle: Werdenfels Museum                                                                            Foto Wolfgang Kunz

Im Lauf der Jahrzehnte litt das Kreuz stark unter den Witterungseinflüssen, aber auch unter einem zu heftigem „Interesse“ der Besucher: So ritzten zahlreiche Besucher ihre Namen und diverse Liebesschwüre ein und amerikanische Soldaten verwendeten das Kreuz als Zielscheibe für respektlose und übermütige Schießübungen. Heute ist dieses Kreuz als bestaunenswertes Artefakt im Werdenfels-Museum zu bewundern; als Repräsentant eines vergangenen Jahrhunderts, welches von Umbrüchen geprägt war: Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Bevölkerungswachstums, der Gesundheitsorientierung, der Hygiene und der Fotografie, aber auch des beginnenden Massenverkehrs, der Kommunikation und Information; die Naturwissenschaften bahnten sich mit Charles Darwin ihren Weg, Karl Marx legte den Grundstein zur Emanzipation der Arbeiterklasse und die Medizin wurden von Forschern wie Robert Koch und Emil Behring vorangetrieben; nur um Einiges und Einige zu nennen. Religion als Erklärungsmodell für die Welt kam einmal mehr unter Druck und das Denken der Philosophen zeigte mit John Stuart Mill und dessen Freiheitsphilosophie eine wesentliche Akzentuierung des Individuums und der mit ihm verbundenen Freiheit.

Das gegenwärtige Gipfelkreuz auf der Zugspitze ist eine Nachbildung seines Vorgängers. Es wurde 1993 aus Kupfer und Stahl geschaffen. Seine Vergoldung erinnert an die Jahrhunderte lange Verwendung dieses Materials in der Kunst für das Göttliche, Erhabene und Übersinnliche, für den Himmel und seine Heiligen, für Mosaike, die Buchmalerei und Vergoldungen geschnitzter Heiligenskulpturen. Dieses Gipfelkreuz stand und steht auch heute noch als Zeichen eines umfassenden Wertekanons an diesem besonderen Ort, nicht nur geografisch exponiert, sondern auch ideell. Es ist heute mehr denn je eine Attraktion der Freizeitgesellschaft und sieht sich als trophäengleiches und souvenirtaugliches Fotomotiv nicht mehr nur der extremen Witterung ausgesetzt, sondern auch der oberflächlichen Aufmerksamkeit einer erlebnishungrigen Gesellschaft. Als Zeichen des christlichen Glaubens markiert es einen Ort von Erhabenheit, Dank und Besinnung und soll den Stürmen und Gewittern trotzend den Menschen gleichsam ein Symbol für die damit verbundenen Werte und Überzeugungen und ebenso ein Begleiter auf der Suche nach der Harmonie des Lebens sein.

 

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Erlebniswelt Zugspitze I                                                              Erlebniswelt Zugspitze II                                                            Das Tiroler und das Bayerische Gipfelkreuz