Gipfelkreuze neu gelesen

Sakrale Kleindenkmäler an exponierten Orten

 

„Volksglaube und Volksfrömmigkeit sind nämlich durch ihre Lebensnähe ausgezeichnet, in ihnen kommt oft sehr klar zum Ausdruck, was die Menschen bewegt – und zwar weit klarer als in den Spekulationen der Theologen und Metaphysiker.“[1]

Das sagt der Philosoph Ernst Topitsch in seinem einleitenden Beitrag der Publikation »Volksfrömmigkeit« im Rahmen der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz.[2] Heute ist der Begriff der »Frömmigkeit« geläufiger und verzichtet auf den Terminus »Volk«. Er meint hier die lebensnahen, eigenschöpferischen Interpretationen amtskirchlicher Hochreligion und inkludiert dabei „[…] die innere Verfaßtheit des Menschen als religiöses, auf dem Verhältnis zwischen Mensch und Gott beruhendes Gefühl, als Nachfolge Christi, als konstante Verhaltensweise ohne Ausdruckszwang […].“[3] Frömmigkeit sei also verstanden als ein „[…] im Sinne subjektiver Attitüden definierter Begriff – eine sich in frommen Handlungen, aber eben vorwiegend in einem inneren Verhältnis zu Gott und den Heiligen sich realisierende Handlung des Subjekts.“[4]

Gipfelkreuzsetzungen sind Teil dieser kulturellen Praktiken, wie etwa auch die „[…] Andachts- und Votivbilder, Bildstöcke, Wegkreuze, Flurkapellen, Hausaltäre, Heiligenfiguren, Medaillen, Devotionalien, Wallfahrten, Prozessionen, Reliquien, Schutzzettel und vieles mehr.“[5] Allerdings: „Frömmigkeit läßt sich nicht aus Objekten, derer sie sich didaktisch bedient, bestimmen wohl aber kann sie zu deren Klärung und Präzisierung beitragen.“[6] Der Volkskundler Martin Scharfe sagt, die Erforschung subjektiver Frömmigkeit soll und kann nicht das Ziel volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Tätigkeit sein, was die Menschen glauben, empfinden und denken, sondern was sie aus sich herausschleudern, was sie nach außen wenden, was sie objektivieren: als kulturelles Produkt, als kulturelle Objektivation in verschiedenster Gestalt […].“[7]

Der Alpinismus

Die wesentliche Voraussetzung[8] für das Phänomen der Gipfelkreuzsetzungen stellt ein sich ausprägender Alpinismus dar. Gipfel als erhabene Orte und waren in der Vorstellung der Menschen immer schon mit dem Überirdischen verbunden. Vielfach wurden seit vorgeschichtlicher Zeit Berge aus religiösen Gründen bestiegen, darunter auch von Herrschern.“[9] Der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade meint dazu: „Die einfache Betrachtung des Himmelsgewölbes löst bereits ein religiöses Erlebnis aus.“[10] Oder aber das abgelegene und exponierte Gelände war von Geistern und Unholden bevölkert, was sich beispielsweise dem umfangreichen Sagenschatz entnehmen lässt. Trotzdem mussten die Menschen zur Sicherung ihrer Lebensgrundlagen in diese – oftmals mit Tabus belegten – Zonen betreten. Das führte dazu, dass Gipfel trotzdem bestiegen worden waren, auch wenn deren Nähe zum metaphysischen Himmel Respekt gebot. Weitere Motive für Bergbesteigungen waren also etwa Besteigungen im Zuge einer Jagd und Besteigungen zur Festlegung von Landesgrenzen: „So kann man sagen, daß die allererste Begehung der Gebirge – und das trifft auch auf die Alpen zu – aus dem praktischen Bedürfnis und den Notwendigkeiten des menschlichen Lebens hervorgegangen ist.“[11]

Als sich das Interesse der Menschen auf die Ästhetik der Landschaft zu konzentrieren begann, rückten die Berge zunehmend in das Zentrum des Interesses. Das führte schließlich zur Gipfelkreuzsetzung auf dem Kleinglockner (3.770m, Hohe Tauern/Österreich) im Jahr 1799. Hier war es eine von einem Fürstbischof – Franz Xaver Altgraf von Salm Reifferscheid - organisierte Expedition zur Ersteigung des Großglockners (3.797m, Hohe Tauern/Österreich), die ein Kreuz mitführte, welches am Gipfel aufgestellt werden sollte (der Hauptgipfel, eben der Großglockner wurde erst im Folgejahr dann effektiv erreicht).[12] Diese Gipfelkreuzsetzung kann als erste ihrer Art gelten, eingebettet in ein sozio-kulturelles Umfeld, welches in den folgenden Jahrzehnten weitere Gipfelbesteigungen und Gipfelkreuzsetzungen nach sich zog. Eine andere frühe Gipfelkreuzsetzung fand 1823 am steirischen Erzberg (1.465m, Eisenerzer Alpen/Österreich) statt.

Für Scharfe sind die Gipfelkreuzsetzungen dieser Zeit nicht Zeichen des Glaubens, sondern des Religionsverlustes. Er argumentiert das mit der alpinistischen Begeisterung, die beispielsweise dem Erstbesteigungsbericht des Großglockners zu entnehmen ist und die die Handlung der Kreuzsetzung als zweitrangig erscheinen lässt; und an anderer Stelle mit einem Auszug aus der Predigt der Erzbergkreuz-Einweihung, in welcher von „[…] frostigen, eiskalten Tagen einer vornehmen Gleichgültigkeit gegen Gott […]“[13] gesprochen wird. Auch die Interpretation der Erzbergkreuzsetzung als Wiedergutmachung der gescheiterten, „eitlen und stolzen Riesensäule“[14] auf dem Gipfel des Ortlers (3.905m, Ortlergruppe/Italien) dient dazu. Scharfe sagt: „Einst war das Kreuz das Motiv der Besteigung – nun wird es schmückende Zutat. Einst zeigte der Weg zum Bergkreuz eine christliche Wallfahrt an – nun aber ist es säkulare Bergfahrt.“[15]

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es weiteren Gipfelkreuzsetzungen, beispielsweise 1822 auf dem Ankogel (3.252m, Hohe Tauern/Österreich), 1823 auf dem Sonnwendjoch (2.224m, Rofan/Österreich), 1834 auf dem Dachstein (2.995m, Dachstein/Österreich), 1851 auf der Zugspitze (2.962m, Wetterstein/Österreich/Deutschland) und 1883 auf der Ellmauer Halt (2.344m, Wilder Kaiser/Österreich). Gipfelkreuzsetzungen sind auch aus der Schweiz überliefert, wie beispielsweise 1819 auf der Vincentpyramide (4.215m, Monte Rosa) und 1820 auf dem Zumstein (4.563m, Monte Rosa).[16]

Das Phänomen der Gipfelkreuzsetzungen prägte sich besonders im 20. Jahrhundert aus, und hier vor allem in der zweiten Hälfte, im Anschluss an die traumatischen Ereignissen des 2. Weltkriegs. Es waren die sogenannte Heimkehrerkreuze, die in den 1950er Jahren vermehrt auf den Gipfeln errichtet wurden. Heute müssen diese aufgrund witterungsbedingter Schäden oft durch neue Kreuze ersetzt werden. Zum Motiv des Gedenkens an vermisste und gefallene Kameraden und dem Dank für die gesunde Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft kommen gegenwärtig neue Gründe, die zur Setzung von Gipfelkreuzen führen können. Diese lassen sich zusammenfassen unter folgenden Kategorien: Ersatzkreuze, Dankeskreuze, Gedenkkreuze, Freundschaftskreuze und Gipfelkreuzsetzungen aus ästhetischen Gründen. Gipfelkreuze werden sowohl von Privatpersonen errichtet als auch von Vereinen. Insbesondere diese Kreuzsetzungen von Vereinen sollen die Werte, denen sich die jeweiligen Vereine verschreiben ausdrücken. Ausführlich beschrieben wird das im Buch „Gipfelkreuze in Tirol. Eine Kulturgeschichte mit Gegenwartsbezug.“

Sakrale Kleindenkmäler in der Natur

Kapellen, Marterln, Bildstöcke; sie alle stehen am Wegesrand oder sind selbst Ziel eines Weges dorthin und laden zur Besinnung ein. Räumlich sind sie von den Kirchen als Zentren der amtskirchlichen Glaubenshandlungen getrennt und ermöglichen ein privatisiertes und individualisiertes Praktizieren von Religiosität und Spiritualität. Auch die Flur- und Wegkreuze sowie die im alpinen Raum vorkommenden Wetter- und Jochkreuze sind Bestandteil einer Frömmigkeitsagentur, die auf den Stellenwert von Religion im Alpinen hinweisen. Eine eher jüngere Erscheinung stellen dabei die sogenannten Besinnungswege dar. Das sind Pfade, Steige und eben Wege, die in die Natur eingebettet ein ebensolches Erlebnis ermöglichen wollen. Beispiel für einen solchen Besinnungsweg ist der eigens dafür angelegte Steig von Neustift im Stubaital am Eingang des Pinnistales bis zur Issenanger Alm. „Gott zur Ehre – den Menschen zur Besinnung und Freude“[17] lautet das Motto des Weges. Dort laden zahlreiche Skulpturen und in Holz geschnitzte Sprüche, Psalmen und Gebete zur besinnlichen Rast in der alpinen Natur ein.

Die Gipfelkreuze, als religiöse Zeichen auf den höchsten Punkt von Bergen ergänzen und beschließen diese Aufzählung, und das in zweierlei Hinsicht: Einmal den sachlichen Argumentationsstrang und zum Zweiten indem sie nämlich dort stehen, wo der Berg und dessen Weg dorthin – einfach gesagt - zu Ende ist. Dort, wo die Erde den Himmel berührt und dort, wo das Metaphysische seinen Platz hat.

Das Gestalten von Gipfelkreuzen

Gipfelkreuze können in ihrer Machart schlicht gestaltet werden, aber genauso auch aufwändig konstruiert und mit künstlerischen Zusätzen versehen. Neben seiner sakralen Botschaft transportiert es noch zusätzliche kulturelle und oft künstlerische Aspekte, wie etwa die Freude am gemeinschaftlichen Projekt oder die erfolgreiche Ideenfindung besonderer Zusatzausstattung.[18] In der Art der Ausgestaltung des Kreuzes liegen Signaturen eingebettet, welche es zu entdecken gilt. Diese reicht von den einfach konstruierten Holzkreuzen, über angebrachte Strahlenkränze, geschnitzten Jesus-Häuptern bis hin zu aufwändigen Metallkreuzen, die nur mehr mit Hubschraubern auf ihre Gipfel gebracht werden können. Wenig überraschend können Gipfelkreuze also sehr klein oder aber auch sehr groß sein; oft sind es die Entstehungsgründe, die einen wesentlichen Einfluss auf die Gestalt und die Gestaltung des Kreuzes besitzen. So neigen Privatpersonen als Gipfelkreuzsetzer dazu, kleine Kreuze zu bevorzugen, da sie selbst ohne Unterstützung diese in Teilen - oder was seltener vorkommt sogar als komplettes Werkstück - auf den Gipfel transportieren müssen. Oft sind solche Kreuze aus Metall und entweder als Grabkreuz gekauft oder in der eigenen Werkstatt selbst hergestellt. Vereine, die sich zu einer Gipfelkreuzsetzung entschlossen haben, nutzen das ganze Spektrum der Herstellungsmöglichkeiten. Viele Gipfelkreuzsetzer wählen bewusst eine schlichte Holz- oder Metallkonstruktion und verzichten auf Ornamentik und Zierrat. Das kann genauso Ausdruck der inneren Verfasstheit der verantwortlichen Personen sein, wie der Wunsch nach einem authentischen, an die Historie angelehnten Transport auf den Gipfel. Große und dementsprechend schwere Kreuze können trotzdem auch auf den Gipfel getragen werden, allerdings immer in transportierbare Einzelteile zerlegt, welche am Gipfel zusammengebaut werden. Solche Kreuze werden oft mit Fahrzeugen, Seilbahnen oder mit der Unterstützung von Hubschraubern auf ihre Bestimmungsorte gebracht.

Das Interesse der Volkskunde liegt dabei in der Erforschung der Frömmigkeit als der inneren Verfaßtheit des Menschen, als religiöses, auf dem Verhältnis zwischen Mensch und Gott beruhenden Gefühl…“[19] Ein Maß an Religiosität soll und kann aus den Gipfelkreuzsetzungen nicht abgeleitet werden, vielmehr liegt der Fokus auf der Erforschung des Umgangs mit dieser besonderen alpinen Frömmigkeitsform und in der Untersuchung und Beobachtung der unterschiedlichen Arten der Ausgestaltung von Gipfelkreuzen. Das Erfassen der Tiroler Gipfelkreuze im Tiroler Kunstkataster ermöglicht es den Internetusern also, die einzelnen Geschichten dieser Kreuze an den exponierten Orten ins Tal herunter zu holen und sich in deren Entstehungshintergründe zu vertiefen.

 


[1]Topitsch, Ernst: Volksglaube und Hochreligion. In: Eberhart, Helmut; Hörander, Edith; Pöttler, Burkhard (Hrsgg.): Volksfrömmigkeit. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz. Wien 1990, S. 11

[2]Ziel dieses Kongresses war es, über den Forschungsbereich nachzudenken, die Gültigkeit der verwendeten Terminologie zu überprüfen;geauso aber auch Standortbestimmungen zu diskutieren und unterschiedliche Ansätze und interdisziplinäre Zugänge sichtbar zu machen.

Vgl. dazu: Eberhart, Helmut; Hörander, Edith; Pöttler, Burkhard: Vorwort. In: Diess. (Hrsgg.): Volksfrömmigkeit. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz. Wien 1990, S. 5

[3]Daxelmüller, Christoph: Volksfrömmigkeit ohne Frömmigkeit. Neue Annäherungsversuche an einen alten Begriff. In: Eberhart, Helmut; Hörander, Edith; Pöttler, Burkhard (Hrsgg.): Volksfrömmigkeit. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz. Wien 1990, S. 21

[4]Scharfe, Martin: Soll und kann die Erforschung subjektiver Frömmigkeit das Ziel volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Tätigkeit sein? In: Mohrmann, Ruth-E. (Hg.): Individuum und Frömmigkeit. Volkskundliche Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Münster/New York/München/Berlin 1997, S. 146

[5]Ebd.

[6]Ebd., S. 46

[7]Scharfe, Martin: Soll und kann die Erforschung subjektiver Frömmigkeit das Ziel volkskundlich-kulturwissenschaftlicher Tätigkeit sein? In: Mohrmann, Ruth-E. (Hg.): Individuum und Frömmigkeit. Volkskundliche Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Münster/New York/München/Berlin 1997, S. 150

[8] Der Alpinismus ist ein Kulturphänomen, welches erst auf eine ca. 250jährige Geschichte zurückblickt.

[9] Danner, Peter: Götter, Kaiser, Kannibalen. Berge als Zone der anderen. In: Aspetsberger, Friedbert (Hrsg): Der Berg. Einige Berg- und Tal-, Lebens- und Todesbahnen. Innsbruck 2001, S. 226

[10]Eliade, Mircea: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Frankfurt am Main und Leipzig 1998, S. 105

[11] Lehener, Wilhelm: Die Eroberung der Alpen. Leipzig 1924, S. 5

[12] Vgl. dazu: Klemun, Marianne: Der „fürstliche“ Großglockner anno 1799 und 1800: Ziel wissenschaftlichen Begehrens. Ein Reiseführer zur „Ausstellung 200 Jahre Großglockner-Erstbesteigung“. In: Jubiläum Großglockner. 200 Jahre Erstbesteigung. 120 Jahre Erzherzog-Johann-Hütte. Österreichische Alpenzeitung. Herausgegeben vom Österreichischen Alpenklub. Mai – Oktober 2000, Folge 1551 – 1553.

[13]Scharfe, Martin: Berg-Sucht. Eine Kulturgeschichte des frühen Alpinismus 1750-1850. Wien-Köln-Weimar 2007, S. 272

[14]Vgl. dazu: Ebd., S. 273

[15]Ebd., S. 270

[16]Vgl. dazu: Kunz, Wolfgang: Gipfelkreuze in Tirol. Eine Kulturgeschichte mit Gegenwartsbezug. Wien, Köln, Weimar 2012; Scharfe, Martin: Berg-Sucht. Eine Kulturgeschichte des frühen Alpinismus 1750-1850. Wien-Köln-Weimar 2007

[17] http://www.stubai.at/fileadmin/userdaten/tvb-stubai/dokumente/folder-intern/Besinnungsweg_14_07_28.pdf (Stand: 8.2.2016)

[18] Das ist am Gipfelkreuz des Zuckerhütls in den Stubaier Alpen gut erkennbar.

[19]Daxelmüller, Christoph: Volksfrömmigkeit ohne Frömmigkeit. Neue Annäherungsversuche an einen alten Begriff. In: Eberhart, Helmut; Hörander, Edith; Pöttler, Burkhard (Hrsgg.): Volksfrömmigkeit. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz. Wien 1990, S. 21