Gipfelkreuz und Gipfelbuch

Von der Kultur in der Natur

 

Das Gipfelkreuz

Die alpinen Berglandschaften waren im Denken der Menschen Jahrhunderte lang von Geistern und Unholden besetzt. Insbesondere das Betreten der Gipfel war aufgrund deren Nähe zum metaphysischen Himmel einerseits tabuisiert und andererseits sorgte man sich vor den lebensfeindlichen Umständen wie etwa der Kälte oder der Ungewissheit, dort oben überhaupt atmen zu können. Nur zur unbedingt notwendigen Sicherung der Erwerbsgrundlagen wurden die alpinen Bereiche aufgesucht. Mit dem Einsetzen eines aufgeklärten Denkens änderte sich das aber. Das Gefühl dieser Zeit drückt Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) so aus:

„Niemals hat flaches Land, wie schön es auch immer gewesen sein möchte, in meinen Augen dafür [als schöne Landschaft] gelten können. Mein Sinn verlangt nach Sturzbächen, nach Felsen, Tannen, schwarzen Wäldern, Bergen, nach aufwärts und abwärts steilen Pfaden, und rechts und links müssen Abgründe liegen, die mir Furcht einjagen.“

Mit dem beginnenden und sich ausprägenden Alpinismus – die Erstbesteigung des Mont Blanc (4.810m, Mont Blanc /Frankreich/Italien) am 8. August 1786 stellt dazu ein wichtiges Ereignis dar - können Gipfelkreuzsetzungen beobachtet werden. Gipfelkreuze auf den Bergen zu montieren ist kulturhistorisch also ein recht junges Phänomen und zeigt auf seine Art die Verbindung von Natur und Kultur. Der Kulturwissenschaftler Herbert Arlt sagt dazu passend:

„Ein Berg wird ein Berg durch die Menschen, die an seinen Hängen wohnen, dort jagen oder die Landwirtschaft kultivieren bzw. ihn besteigen. Aber der Berg wird auch ein Berg durch jene Menschen, die über ihn schreiben, Bilder von ihm anfertigen, ihn in ein Netzwerk von Zeichen einbringen“

Diese Webseite will besondere kulturelle Umgangsformen mit der Berglandschaft anhand von Dingen, Vorstellungen und Praktiken der Bergkultur thematisieren. Die Gipfelkreuzsetzungen zeigen einen gelebten und individualisierten Umgang mit dem bekanntesten Religionssymbol des christlichen Glaubens, eingebettet in eine säkular-moderne Gesellschaft.

• Als Ausdruck und Symbol tradierter Werte und Anker in einer allzu beschleunigten Welt

• Als eine individuell-alpinistische Wallfahrt zum heiligen Ort und einem Gedenkort für einen Verstorbenen

• Als Gedenkort für Kriegsgräuel und Gefangenschaft aber auch als Fotomotiv der Erlebnisgesellschaft

• Als Imitatio Christi beim Kreuztragen aber auch als Degradation des Kreuzes zum simplen Ständer für nasse Skitourenfelle und feuchte Kleidung

• Als schlichtes Religionssymbol aber auch als Klettergerüst

Mit dem Tiroler Kunstkataster kann sich jeder Internetuser selbst ein erstes Bild von den Gipfelkreuzsetzungen machen Diese Tiroler Kulturgüterdatenbank ermöglicht das Kennenlernen dieser sakralen Kleindenkmäler (und auch zahlreicher anderer profaner und sakraler Kulturgüter).

Das Gipfelbuch

Die Praktik des Hinterlassens des eigenen Namens an einem Gipfel begleitet das Bergsteigen von seinen Anfängen bis hinein in die Gegenwart. Waren es damals die Visitenkarten, so sind es heute die Gipfelbucheintragungen, die dazu dienen, die eigene Anwesenheit an einem Gipfel zu dokumentieren. Waren es damals in den Gipfelfels hineingemeißelte Initialen oder Namen, so sind es heute sowohl einfache Namenseintragung als auch umfassende Sprucheintragung. Ein Blick in die Gipfelbücher zeigt genauso Eintragungen in Form artikulierter Naturbewunderungen wie zur Unterhaltung. Gleichzeitig lassen sich aber auch die stille Einkehr und das Verfassen von Gebeten feststellen.